Klartext Olympia-Talk

25. Januar 2017, von

Als angehende und vorbildhafte Touristikerin (so möchte ich mich zumindest sehen) habe ich mich verpflichtet gefühlt, am 10. Januar 2017 dem Olympia-Talk in Bonaduz beizuwohnen. Die Anzahl anwesender U30 glänzte vor allem durch Abwesenheit – obwohl dies die Generation sein wird, welche Olympia 2026 konkret betrifft. Als vor bald vier Jahren über die olympischen Winterspiele 2022 in Graubünden entschieden wurde, habe ich mich für Olympia ausgesprochen, mich jedoch nicht tiefgründig mit der Thematik befasst. Zu meiner Verteidigung könnte ich sagen, dass ich zumindest abstimmen war – was noch lange nicht alle „Jungen“ machen. Oder, dass ich noch nicht einmal mit meinem Tourismusstudium begonnen hatte und deshalb solchen Themen gegenüber nicht affin war. Oder, ganz allgemein, grün – oder grüner – hinter den Ohren war.

Dezentrales und ein auf Graubünden massgeschneidertes Olympia

Da ich in den letzten Jahren jedoch sehr viel über den Tourismus und dessen Bedeutung für den Kanton Graubünden gelernt habe, begab ich mich an besagtem Dienstag an die Veranstaltung. Zuerst klärte Andreas Wieland, CEO der Hamilton Bonaduz AG, die Zuhörer über die Eckpunkte des Konzeptes auf. Diese erfuhren, dass Graubünden bereits heute über die notwendigen Kompetenzen und Infrastrukturen für eine Durchführung der Olympischen Spiele verfügt. Über den gesamten Kanton gesehen, haben sich die Destinationen über Jahre und Jahrzehnte in unterschiedlichen Disziplinen verschiedene Stärken erarbeitet. St. Moritz verfügt beispielsweise über eine einzigartige Bobbahn, Arosa war Austragungsort des Ski Cross World Cup, die Lenzerheide hat eine Biathlon-Arena und Laax weltweit führend bei den Freestyle-Disziplinen. „Host City“, also auch der Name, den die Olympischen Winterspiele 2026 tragen würde, wären entweder Davos oder St. Moritz. Diese beiden Destinationen verfügen über die notwendigen Kapazitäten und die bekanntesten Brands im Kanton. Alles in allem kann man sagen, dass das Bündnerland als Einheit über top Bedingungen verfügt – wenn alle zusammen arbeiten und an einem Strang ziehen. Dies war für die Projektleitung ein wichtiger Punkt, den es im Konzept zu beachten galt: Alle im Kanton müssen von Olympia profitieren. Ganz Graubünden muss einen Schub erhalten. Das Konzept, über welches im 2013 abgestimmt wurde, unterscheidet sich im Wesentlichen dadurch, dass damals nur zwei Standorte von den Olympischen Spielen 2022 profitiert hätten. Viele temporäre Bauten im Wert von einer Milliarde Franken hätten erstellt werden müssen. Im Konzept für Graubünden und Partner 2026 konnte, auch durch die Lockerung des IOC, ein neues, dezentrales Konzept ausgearbeitet werden. Die temporären Bauten können dadurch auf ein Minimum reduziert und grösstenteils die bestehende Infrastruktur genutzt werden. Die Kosten würden rund 220 Millionen betragen. Für die Erarbeitung des Detailkonzepts bis Herbst 2018 werden 25 Millionen Franken benötigt, von welchen der Kanton Graubünden 9 Millionen Franken zu tragen hat. Die Olympischen Winterspiele 2026, welche mit 1.65 Milliarden Franken budgetiert sind, sind indes selbsttragend: Die Durchführung verfügt somit über eine ausgeglichene Rechnung. Es fliessen keine Steuergelder.

Graubünden in die Welt hinaustragen

Die zentrale Frage, die sich stellt, sollte bei Befürwortern wie auch bei Gegnern folgendermassen lauten: Was bringen die Olympischen Winterspiele 2026 dem Kanton Graubünden? Es gibt Duzende Sprichworte zur Veränderung, aber wie Giuseppe Tomasi di Lampedusa einst sagte: „Wenn wir wollen, dass alles so bleibt, wie es ist, müssen wir zulassen, dass sich alles verändert.“ Wenn alles beim Alten bleibt, verliert Graubünden den Anschluss. Darum müssen wir etwas unternehmen oder besser: Nicht nur „etwas Beliebiges“, sondern „etwas Innovatives“. Die Frage, ob die Olympischen Spiele als solches innovativ sind, kann meiner Ansicht nach in Frage gestellt werden. Das dezentrale und nachhaltige Bündner Konzept kann jedoch durchaus als neuartig betrachtet werden. Wie die Projektleiter dem Publikum bekannt machten, soll mit Olympia 2026 Graubünden und Partner die Vielfalt der Schweiz und Graubündens unterstrichen werden. Für die Welt (und die Touristen) wird die Schweiz oft nur auf Schokolade, Kühe und Sackmesser reduziert. Wir bieten jedoch auch Spitzen-Technologie, Top–Hochschulen und einiges an kultureller Vielfalt – das Image soll ausgeweitet werden. Olympia dient der Vermarktung unseres Kantons und trägt das Bild von Graubünden in die Welt hinaus. Die Bündner sollten die Kosten für die Kandidatur viel mehr als Marketinggelder betrachten. Die olympischen Spiele, mit der weltweiten Medienpräsenz, sind am Ende das Tool dafür.

Olympia 2026 als Rettung der Bündner Destinationen?

Der Mensch bevorzugt es grundsätzlich in Destinationen zu gehen, die erfolgreich sind, die glänzen, die etwas zu bieten haben. Graubünden hat massiv an Attraktivität verloren – die Zahlen sind gar nicht rosig. Das zeigt die Logiernächtestatistik der Bündner Hotellerie deutlich: Im 2008 verzeichnete der Kanton noch 6‘240‘000 Logiernächte, diese sanken bis im 2015 kontinuierlich auf 4‘720‘000. Dies entspricht einem Minus von 25 Prozent. Das spüren die Destinationen. Wenn Logiernächte ausbleiben und Hotels schliessen, geraten auch Lieferanten, Restaurants, Sportgeschäfte, Handwerker etc. unter Bedrängnis. Es wird eine Kettenreaktion ausgelöst, die nicht nur den Tourismus, sondern die gesamte Volkswirtschaft und die Gesellschaft betreffen. Bittere Realität ist laut Ernst Wyrsch (Präsident von hotelleriesuisse Graubünden), dass 80 Prozent der Bündner Hoteliers nicht wissen, wo sie in 10 Jahren stehen beziehungsweise ob sie noch BE-stehen. Wenn die Menschen wegen fehlender Arbeit abwandern müssen, hat dies eine Entvölkerung der Täler zur Folge. Diese Winterspiele müssen somit viel mehr als Investition in die Zukunft unseres schönen Bergkantons gesehen werden.

Viele Gegner sind der Meinung, dass kleinere Events für Graubünden reichen – eine Grossveranstaltung nicht getragen werden kann. Die Projektleiter halten jedoch dagegen, dass solche Veranstaltungen nicht den nötigen „Drive“ auslösen und deshalb nicht systemrelevant sind, um wirklich einen weitreichenden „Change“ auszulösen. Kleine Events, die mit Herzblut durchgeführt werden, gäbe es nie genug. Aber mit Olympia könne mit vorliegendem Konzept der gesamte Kanton profitieren.

Bündner Olympiade als Massstab für die Nachhaltigkeit

Viele machen sich auch Gedanken über den nachhaltigen Aspekt solcher Olympischer Winterspiele. Den meisten ist jedoch nicht bewusst, was Nachhaltigkeit konkret bedeutet. Denn Nachhaltigkeit beinhaltet nicht nur den ökologischen Aspekt. Dieser stellt nur einen, der drei Pfeiler der Nachhaltigkeit dar. Die sozialen und die ökonomischen Dimensionen werden gerne vergessen. Sozial bedeutet, dass unsere Kultur und unsere Vielfalt im Kanton erhalten bleiben und ökonomisch, dass das ganze Projekt wirtschaftlich tragbar ist. Viele machen sich kritische Gedanken zum ökologischen Aspekt der Nachhaltigkeit, was angesichts der Negativbespiele von Turin, Sotschi und weiterer nicht zu verübeln ist. Der kleinstmögliche Eingriff in die Natur ist garantiert, denn im neuen Konzept werden wie bereits erwähnt vor allem bestehende Bauten und Infrastrukturen genutzt und nur einige wenige temporäre Bauten erstellt. Nur wenn alle drei Dimensionen ausgeglichen und im Einklang sind, kann von einem wirklich nachhaltigen Wachstum des Kantons gesprochen werden.

Die Bevölkerung darf zudem nicht vergessen, dass Graubünden die Möglichkeit hat „den Stecker zu ziehen“. Wie Andreas Wieland mehrmals betonte, erhält das IOC kein All-Inclusive Paket. Der Austragungsort kann sich auch während der Kandidatur zurückziehen. Denver hat sich einst beispielsweise sogar nach der Vergabe zurückgezogen.

Olympiade – und danach?

Die Sprache ist immer von vor und während der Spiele. Was jedoch geschieht danach? Die bestehenden und modernisierten Bauten werden auch nach den Spielen für sportliche Anlässe aller Art genutzt werden können – womit der nachhaltige Gedanke wieder aufgegriffen wird. Im Allgemeinen gehen die Organisatoren aber auch von einem enormen gesellschaftlichen Weiterkommen aus. Graubünden hat damit ein grosses gemeinsames Ziel vor Augen und muss für die erfolgreiche Durchführung das „Gärtchendenken“ überwinden. Ein solcher Anlass schweisst zusammen, denn alle ziehen am selben Strang und helfen sich gegenseitig aus. Was Erfolg hat, zieht ausserdem weitere Investitionen nach sich.

Graubünden hat die besten Voraussetzungen die Olympischen Winterspiele 2026 erfolgreich durchzuführen – denn für uns ist praktisch „nichts Neues“ dabei. Denn, wie man aus der Führung weiss: Stärken sollen gestärkt und Schwächen geschwächt werden. Als Kanton verfügen wir über die fachlichen Kompetenzen und Infrastrukturen.

Als abschliessendes Wort soll erwähnt sein, dass es sich bei der Abstimmung im Februar 2017 um eine Grundhaltung Graubündens gegenüber den Spielen handelt. Das Detailkonzept wird mit dem gesprochenen Kredit ausgearbeitet, wo über im Herbst 2018 über das definitive Projekt und die Kandidatur abgestimmt wird.

 

Kommentare

  1. Simon Falett sagt:

    Cooler Bericht! Wenn man im Tourismus mithalten möchte, dann muss man international denken können. Aber international denken UND „Gärtchendenken“, das geht nicht gemeinsam. Ich hoffe, dass Graubünden hier umdenkt und jetzt bei der Olympia-Abstimmung die Weichen stellt!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.