Fernweh: Ein Bedürfnis der Gesellschaft oder Mode der heutigen Zeit?

19. März 2017, von

Das Wort Fernweh geht auf einen gewissen Fürsten namens Pückler-Muskau zurück, welcher seine neue Wortkreation 1835 zum ersten Mal verwendete. Ein älteres Wort, die sogenannte „Wanderlust“, geht sogar bis ins 11. Jahrhundert zurück. Das Gefühl beschreibt die Sehnsucht des Menschen die Welt zu entdecken, den inneren Antrieb sich auf Reisen in fremde Länder zu begeben und Neues fernab der trauten Heimat zu entdecken.

Wie der Ursprung des Wortes Wanderlust zeigt – welches übrigens als solches in unzählige Sprachen wie Englisch, Italienisch, Dänisch oder Irisch übernommen wurde –, begleitet dieses Gefühl die Menschheit seit Hunderten von Jahren. In den paar ersten Jahrhunderten hatten jedoch die wenigsten Menschen die nötigen Mittel zu verreisen. Dies änderte sich erst nach dem zweiten Weltkrieg als die Boom-Jahre einsetzten und der Tourismus zum Massenphänomen wurde.

Meine Eltern – beide der späten Babyboomer-Generation angehörig – sagen mir denn auch immer wieder, dass die Welt in den letzten 30 Jahren um einiges näher gerückt ist: Die Menschen sind globaler, mobiler und vernetzter. Alles reist – gönnt sich Urlaub am Mittelmeer, einen Road Trip durch Australien oder eine einjährige Weltreise.

Tschüss – und weg!

Nicht alle sind vom Fernweh betroffen. Aber in der heutigen – zumindest westlichen – Gesellschaft scheinen mir die Personen, die keine solchen Gefühle verspüren, zur Minderheit geworden zu sein. Am meisten verbreitet ist das Gefühl meiner Meinung nach jedoch eindeutig in der Generation Y. Fernweh ist heute zum Massenphänomen oder vielleicht gar zur Mode geworden. Aber weshalb? Klar, die Menschen haben mehr Freizeit und auch zusätzlich verfügbares Einkommen. Aber ist dies der Hauptgrund sich in die Ferne und weg von Zuhause begeben zu wollen?

Ich selbst bin auch vom Fernweh betroffen. Wenn das nicht so wäre, hätte ich mich mit 16 Jahren wahrscheinlich nicht dazu entschlossen ein Jahr „änet“ des grossen Teichs zu verbringen. Gut möglich, dass ich den Tourismus links liegen gelassen und stattdessen ein Psychologiestudium oder ähnliches näher in Betracht gezogen hätte.

Aber vergleichen wir nun in einem Gedankenexperiment einmal Wanderlust mit einer Krankheit: Ich weiss, dass ich an dieser „leide“ und erkenne die Symptome. Unklar ist jedoch der Auslöser bzw. die Ursache dieser „Krankheit“. Weshalb wollen in den letzten 10-20 Jahren – überspitzt gesagt – alle noch grösser, noch besser, noch länger verreisen? Was erhoffen wir uns davon? Status und Prestige: Reisen und Freizeit anstatt Autos und Uhren als neue Messlatte? Oder werden die Menschen Tag für Tag von Neuigkeiten, Bildern und Eindrücken aus der Ferne überschwemmt, dass sie gar nicht anders können als diese fernen Länder und Kulturen zu entdecken? Stichwort: Einfluss der Medien. Oder muss man dieses Phänomen gar als Realitätsflucht verstehen? Der Leistungsdruck ist so gross wie noch nie. Dadurch scheint eine gesunde Balance abhandengekommen zu sein und nur das eine oder andere Extrem – 200 Prozent Leistung oder mehrmonatige Auszeit – zur Option zu werden. Die Generation Y ist ja bekannt dafür frei, unabhängig und unverbindlich sein zu wollen.

Fernweh und Wanderlust werfen bei mir viele und grosse – auch persönliche – Fragen auf, mehr als dass sie Antworten liefern. Handelt es sich um ein wirkliches Bedürfnis der heutigen Gesellschaft sich vertieft mit sich selbst sowie anderen Ländern/Kulturen auseinanderzusetzten oder ist es eben einfach nur „Mode“ und wird gemacht, weil das halt alle so machen und um hip, trendy, in zu sein? Klar ist, dass diese Gefühle die touristische Nachfrage nachhaltig ankurbeln. Ich für meinen Teil habe jedoch noch kein klares „Warum“ identifiziert. Doch dies scheint mir nach einiger Überlegung vielleicht doch eher Gegenstand der Philosophie anstatt des Tourismus zu sein.

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